Niklas Holzberg

Vom helfenden iuvenis zum zürnenden Gott – Augustus und seine Dichter

Von Augustus und seinen Dichtern kann man „offiziell“ erst ab dem 16. Januar 27 v.Chr. sprechen, dem Tag, an dem Caesar Octavianus den Ehrennamen annahm, der etwa mit „der Erhabene“ zu übersetzen ist. Aber die Literaturgeschichtsschreibung lässt die augusteische Poesie bereits um 35 v.Chr. mit den Bucolica Vergils (70-19 v.Chr.) beginnen, einer Sammlung von zehn Hirtengedichten. In der ersten dieser Eklogen, wie man sie auch nennt, unterhalten sich Meliboeus, der von seinem Land und seiner Herde fort ins Exil gehen muss, und Tityrus, der bleiben und in seinen Mußestunden die Hirtenflöte spielen darf. Er bekam gewissermaßen eine Sondererlaubnis, wie er in V. 6-10 erklärt:

O Meliboee, deus nobis haec otia fecit.
namque erit ille mihi semper deus, illius aram
saepe tener nostris ab ovilibus imbuet agnus.
ille meas errare boves, ut cernis, et ipsum
ludere quae vellem calamo permisit agresti.
(O Meliboeus, ein Gott hat mir diese Muße geschaffen. Denn er wird mir immer ein Gott sein, seinen Altar wird oft ein zartes Lamm aus meinen Hürden mit seinem Blut benetzen. Er hat gestattet, dass umherschweifen meine Rinder, wie du siehst, und ich selbst, was immer ich will, auf ländlichem Rohr spiele.)

Als er sich dann eines Tages nach Rom begeben habe, sei dies geschehen (V. 42f.):

hic illum vidi iuvenem, Meliboee, quotannis
bis senos cui nostra dies altaria fumant.
(Hier habe ich, Meliboeus, jenen jungen Mann gesehen, für den meine Altäre zwölf Tage im Jahr rauchen.)

Über die Identität des jungen Mannes, in dem Tityrus einen Gott sieht, ist die Forschung sich natürlich nicht einig – wie über vieles andere. Die Mehrheit, zu der auch ich gehöre, setzt ihn mit Octavian gleich, der, geboren 63 v.Chr., zur Zeit der Entstehung der Bucolica noch nicht 30 Jahre alt war. Eines der Argumente, die man dafür anführen kann, dass Vergil ihn meint, lautet: Er wird in der augusteischen Dichtung an drei weiteren Stellen, einmal ohne und zweimal mit Namensnennung als iuvenis bezeichnet, und dies vermutlich u.a. aus folgendem Grund: Man glaubte, das Wort von iuvare (helfen) ableiten zu können. Vergil eröffnete also seine Bucolica mit dem Lob des „helfenden iuvenis“ Octavian, und das wohl in Anspielung auf De rerum natura (Die Natur der Dinge), das Lehrgedicht des Lukrez über den atomistischen Teil der Philosophie Epikurs, dessen Name „Helfer“ bedeutet und den der Dichter als Befreier der Menschheit von Götter- und Todesfurcht verehrt.
Vergil preist eine Person, deren Namen er verschweigt, noch in zwei weiteren Eklogen, Nr. 4 und Nr. 8. Im Falle der letzteren sprechen die meines Erachtens besseren Argumente dafür, dass wir den dort angeredeten siegreichen Imperator wiederum mit Octavian identifizieren sollten. Dessen Taten möchte Vergil irgendwann zum Gegenstand einer Dichtung machen, und deshalb fragt er ihn in V. 7f.:

en erit umquam
ille dies, mihi cum liceat tua dicere facta?
(Wird jemals der Tag kommen, an dem ich von deinen Taten dichten darf?)

Schon in Ekloge 4 hatte der Dichter sich mit ähnlichen Worten an eine unbekannte Person gewandt, bei der es sich um einen Knaben handelt (V. 53f.):

o mihi tum longae maneat pars ultima vitae,
spiritus et quantum sat erit tua dicere facta …
(O bliebe mir dann eines langen Lebens letzter Rest und soviel Atem, wie man braucht, um von deinen Taten zu dichten …)

Mit ihm soll, wie die Parzen verheißen hätten, im Jahre 40 v.Chr., das ja für den Leser der gerade publizierten Gedichtsammlung schon etwas zurücklag, ein Goldenes Zeitalter seinen Anfang genommen haben, und ihn erwarte dereinst das Leben der Götter sowie die Herrschaft über den Erdkreis, den dann die virtutes seines Vaters befriedet haben würden. Eine Einigkeit darüber, wer dieser puer ist, der zum Heile der Welt geboren sein soll, hat man natürlich auch nie erzielen können, ja eine ganze Reihe von Namen genannt, unter denen sich seit der Spätantike auch derjenige des Σωτήρ Jesus Christus befand. Ich bin aufgrund schlagender Argumente in einem glänzenden Aufsatz des namhaften Augustusforschers Gerhard Binder überzeugt, dass hier wie in Ekloge 1 und 8 niemand anders als Octavian gemeint sein kann, muss aber im engen Rahmen meiner Ausführungen zum Verhältnis zwischen Augustus und seinen Dichtern auf ein Resümee des Aufsatzes verzichten. Nur auf zwei Tatsachen, die Binders Thesen stützen, sei hingewiesen, da ich mich im Folgenden näher dazu äußern möchte:
1. Vergil hat seine Absicht, den Imperator in einer Dichtung zu verherrlichen, genau in der Mitte seines aus Bucolica, Georgica und Aeneis bestehenden Gesamtwerkes, im Proöm zu Buch 3 des vier Bücher umfassenden zweiten Opus, ausgiebig artikuliert und auf seine Weise dann mit der Aeneis verwirklicht.
2. Nicht allein Vergil, sondern auch die anderen augusteischen Dichter, deren Werke uns überliefert sind, sprechen bis 18 v.Chr., als die Aeneis veröffentlicht worden sein dürfte, von Octavian mit auffallender Scheu und Zurückhaltung und nennen dabei manchmal entweder seinen Namen nicht oder spielen lediglich auf ihn an.
Bald nach den Eklogen Vergils erschien Buch 1 der Satiren des Horaz (65-8 v.Chr.). Diese sind Maecenas gewidmet, Octavian wird nur einmal eher beiläufig erwähnt (Sat. 1,3,4), und einmal die Angabe seines Namens offenkundig bewusst vermieden: in Sat. 1,5, dem Iter Brundisinum. Dort erzählt Horaz von einer Reise, die er mit Maecenas unternommen habe, weil dieser und andere einflussreiche Männer in Brundisium zwischen den gerade wieder zerstrittenen Imperatoren Octavian und M. Antonius vermitteln sollten. Der Dichter berichtet, er habe sich ohne den Patron nach Anxur begeben und schreibt dann (V. 27-31a):

huc venturus erat Maecenas optimus atque
Cocceius, missi magnis de rebus uterque
legati, aversos soliti componere amicos.
hic oculis ego nigra meis collyria lippus
illinere.
(Hierher wollte der gute Maecenas kommen und mit ihm Cocceius, beide als Gesandte in wichtigen Angelegenheiten und schon gewohnt, einander entfremdete Freunde zu versöhnen. Hier strich ich schwarze Salbe auf meine Augen wegen einer Entzündung.)

Mit den amici in V. 29 sind die beiden Imperatoren gemeint, aber bei Horaz erscheint dann allein der Name Antonius (V. 33). Außerdem verschließt der Dichter vor der politischen Angelegenheit buchstäblich die Augen, da er sie mit Heilsalbe bedecken muss. Octavian ist also in dieser Satire nur „unsichtbar“ präsent, und das gilt vermutlich auch für die vier letzten Worte der berühmten Schwätzersatire (1,9,78): sic me servavit Apollo (So rettete mich Apollo.). Denn als Horaz mit diesem Stoßseufzer die Schilderung seines Ganges durch Rom mit dem lästigen garrulus als Begleiter beendet, dürfte er sich, wie der Berliner Latinist Ulrich Schmitzer bemerkt hat, an einem Ort der Stadt in der Gegend der Ara Maxima und des Circus Maximus befinden, von dem aus er um 35 v.Chr. den Palatin und auf ihm die Baustelle des 36 v.Chr. von Octavian gelobten Apollo-Tempels sehen konnte. So betrachtet wäre er von dem Schutzgott des Imperators und indirekt von diesem selbst „gerettet“ worden.
Apollo verhalf dann am 2. September 31 v.Chr. Octavian, wie dessen Propaganda danach behauptete, in der Seeschlacht bei Actium zum entscheidenden Sieg über Antonius, mit dem er seit 33 v.Chr. endgültig verfeindet war. Aber auch nach diesem spektakulären Erfolg des Imperators vermied es ein römischer Dichter, ihn beim Namen zu nennen. Tibull (um 50-19 v.Chr.), dessen erstes Elegienbuch auf 29/28 v.Chr. zu datieren sein muss, spricht in seinem Gedicht 7 von dem zu erwartenden Triumph, den Octavian Tibulls Patron Messalla wegen eines militärischen Erfolges in Aquitanien im Jahre 30 v.Chr. bewilligt hatte – vor dem 25. September 27 v.Chr. konnte Messalla ihn nicht veranstalten –, und unmittelbar vorher erwähnt der Dichter „neue Triumphe“, die schon stattgefunden haben (V. 5-8):

… novos pubes Romana triumphos
vidit et evinctos bracchia capta duces:
ac te victrices lauros, Messalla, gerentem
portabit nitidis currus eburnus equis.
(… Das römische Volk sah neue Triumphe und an ihren gefangenen Armen gefesselte Heerführer, und auch dich, Messalla, der du den Siegeslorbeer trugst, wird ein elfenbeinerner Wagen mit schimmernden Rossen tragen.)

Mit diesen triumphi kann nur Octavians dreifacher Triumph am 13., 14. und 15. August 29 v.Chr. gemeint sein, durch den er u.a. seinen Sieg bei Actium feierte. Wie hier der Name des Imperators nicht fällt, so auch nicht in 10,67f., wo Tibull auf die 29 v.Chr. erfolgte Schließung des Janustempels – sie symbolisierte, dass Rom sich nicht mehr im Kriegszustand befand – anspielen dürfte:

at nobis, Pax alma, veni spicamque teneto,
profluat et pomis candidus ante sinus.
(Doch komm zu uns, holde Friedensgöttin, und halte eine Ähre in der Hand, und vorne fließe über von Früchten dein weiß schimmernder Gewandbausch!)

Auch Horaz hat noch nach Actium mindestens dreimal, soweit ich sehe, die Nennung von Octavians Namen vermieden, und damit ist vergleichbar, dass Vergil es noch im ersten „Durchblick“ der Aeneis, der an Venus gerichteten Romprophezeiung Jupiters in Buch 1, offen lässt, ob er in V. 286-290 als Caesar den Diktator oder Octavian bezeichnet. Zu Beginn seines nicht lange nach Actium erschienenen zweiten Satirenbuches, in Gedicht 1, wird Horaz von dem Juristen Trebatius zum Verfassen eines Werks über die res gestae Octavians aufgefordert, zeigt sich dazu aber vorläufig nicht bereit (2,1,10-12a. 17b-20):

‘ … aude
Caesaris invicti res dicere, multa laborum
praemia laturus.’ … ‘haud mihi dero,
cum res ipsa feret: nisi dextro tempore Flacci
verba per attentam non ibunt Caesaris aurem:
cui male si palpere, recalcitrat undique tutus.’
(„ … wage es, die Taten des unbesiegbaren Caesar zu besingen; das wird dir reichen Lohn für deine Mühe bringen.“ … „An mir soll es nicht fehlen, wenn die Gelegenheit sich bietet. Doch nur wenn es der richtige Zeitpunkt ist, werden Flaccus’ Worte Caesars aufmerksame Ohren erreichen; doch wenn man ihm auf falsche Weise schmeichelt, schlägt er aus wie ein Pferd, um sich nach allen Seiten hin zu schützen.)

Horaz behauptet hier, der Imperator könnte auf allzu direktes Lob, das man ihm zur unrechten Zeit spende, sehr ungnädig, ja geradezu gewalttätig reagieren. Ob das als Scherz zu verstehen ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall macht Horaz am Ende des Gedichts im Zusammenhang mit Octavian ein amüsantes Wortspiel. Dort wird Horaz von dem Juristen unter indirektem Hinweis auf die Zwölftafelgesetze darauf hingewiesen, dass einem Dichter, der, wie Satiriker es gerne tun, schlecht von lebenden Personen redet, ein Prozess drohe (V. 80b-83a):

‘ … caveas, ne forte negoti
incutiat tibi quid sanctarum inscitia legum:
si mala condiderit in quem quis carmina, ius est
iudiciumque.'
(„Und doch bist du gewarnt, sollst also aufpassen, dass dir nicht Unkenntnis der heiligen Gesetze möglicherweise irgendwelche Schwierigkeiten bringt. Wenn jemand gegen jemanden üble Verse verfasst hat, gibt es ein Verfahren und ein Gerichtsurteil.“)

Und der Dichter kontert, indem er mala nicht wie der Jurist im Sinne von „schmähend“, sondern als qualifizierendes Adjektiv verwendet, mit einer pfiffigen Frage (V. 83b-84a):

‘esto, siquis mala; sed bona siquis
iudice condiderit laudatus Caesare?’
(„So sei es, wenn jemand üble schreibt. Aber wenn jemand gute schreibt und von Caesar als seinem Richter Lob erntet?“)

Darauf kann Trebatius natürlich nur erwidern, dann sei mit einem Freispruch zu rechnen. Zum zweiten Mal nach Vergils Ekloge 1 erfahren wir hier, dass Octavian einem Dichter seine Gunst bekundet hat.
Der ältere Poet eröffnet seine nicht lange nach Actium publizierten Georgica, ein Lehrgedicht über den Landbau, mit einer Anrufung von zwölf Göttern, auf die er Octavian als dreizehnten folgen lässt; hier der Anfang seines an ihn gerichteten Gebets (1,24f.):

tuque adeo, quem mox quae sint habitura deorum
concilia incertum est, … Caesar …
(Vor allem auch du, vom dem wir nicht wissen, in welchen Rat der Götter er bald eintritt … Caesar …)

Im anschließenden Textabschnitt hält Vergil für möglich, dass der Imperator einst als Unsterblicher über die Länder oder die Meere wachen oder sich zu einem neuen Gestirn wandeln werde (25b-39). Das liest sich für diejenigen, die wie ich von der Identität des Knaben in Ecl. 4 mit Octavian überzeugt sind, als Fortsetzung zu V. 15 des Gedichts, worin dem Knaben das Leben der Götter verheißen wird. Am Ende der Apostrophe bittet der Dichter Octavian um Hilfe beim Werk, wie sie sonst eine göttliche Instanz, z.B. eine Muse, gewährt (40: da facilem cursum atque audacibus adnue coeptis …! – Gib leichte Fahrt und sei meinem kühnen Beginnen geneigt …). Wie Horaz in Sat. 2,1 geht er also davon aus, dass der Imperator ihm als Dichter gewogen ist. Und als eine Art Gegengabe kündigt Vergil, wie erwähnt, genau in der Mitte des Werks ein Opus über Octavians Taten an, zwar nicht direkt, aber allegorisch: Er wolle, sagt er dort, am Ufer des Mincius, des Flusses seiner Heimatstadt Mantua, einen Marmortempel erbauen (13: viridi in campo templum de marmore ponam – Auf grünem Feld will ich einen Tempel aus Marmor errichten), mitten darin solle der Imperator thronen (16: in medio mihi Caesar erit templumque tenebit – Inmitten wird mir Caesar sein, und er wird der Herr des Tempels sein), und auf dem Portal werde er Kämpfe und römisches Heldentum abbilden (26f: in foribus pugnam … faciam). In der Forschung nimmt man allgemein an, Vergil weise mit seiner Allegorie voraus auf die Aeneis. Aber das kann man aus dem, was der Dichter über die Abbildungen auf seiner Tempeltür sagt, nicht zweifelsfrei ableiten, und so fühlt man sich ein wenig an das Rätselspiel mit Jüngling, Knabe und Imperator in den Eklogen 1, 4 und 8 erinnert.
Horaz denkt in seiner Sammlung der Epoden, die bald nach Vergils Georgica erschien, noch nicht an eine Verherrlichung des Siegers von Actium, sondern erst einmal nur an Feiern und Trinken. Er lässt uns in Epode 9 die Situation nachempfinden, in der er und Maecenas, die beide offenkundig Teilnehmer an der Schlacht bei Actium waren, sich auf einem der kämpfenden Schiffe befanden und mit Bangen auf den Ausgang des Seegefechts warteten. Das Gedicht beginnt er mit einer Frage (1-4):

Quando repostum Caecubum ad festas dapes
victore laetus Caesare
tecum sub alta – sic Iovi gratum –domo,
beate Maecenas, bibam …?
(Wann werde ich den für das festliche Mahl aufbewahrten Caecuber, froh über Caesars Sieg, mit dir – so wird es Jupiter angenehm sein – im hohen Hause, glücklicher Maecenas, trinken … ?)

Drei bis vier Jahre später gibt Horaz dann selbst die Antwort auf seine Frage in der berühmten Ode 1,37 von 26/25 v.Chr., mit der er sich in Roms politische Lage nach dem Tod Kleopatras im August 30 v.Chr. versetzt und zum Feiern auffordert (1-5):

Nunc est bibendum, nunc pede libero
pulsanda tellus, nunc Saliaribus
ornare pulvinar deorum
tempus erat dapibus, sodales.
antehac nefas depromere Caecubum …
(Jetzt heißt es trinken, jetzt mit freiem Fuß stampfen die Erde, jetzt nach Art der Salier auszustatten das Lager der Götter mit einem Mahl, ist es Zeit, Kameraden! Vorher war es Frevel, hervorzuholen den Caecuberwein …)

Feiern und Trinken liebt auch Properz (um 50- nach 16 v.Chr.), aber als Autor erotischer Elegien wie Tibull zieht er, wenn er Poesie verfasst, die „Kämpfe“ im Bett denjenigen auf dem Schlachtfeld vor, handelt also lange vor den amerikanischen Vietnam-Gegnern der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts nach der Devise „Make love, not war“. Außerdem schreibt er in der Tradition des hellenistischen Dichters Kallimachos (um 320-um 245 v.Chr.) Verse, die nicht den großen Atem epischer Hexameter haben, und deshalb sagt er zum Thema „Octavian/Augustus“, nachdem er diesen in seinem ersten Elegienbuch nur einmal erwähnt hat (21,7), am Anfang des zweiten zu Maecenas (2,1,17f. 25. 39-42):

quod mihi si tantum, Maecenas, fata dedissent,
ut possem heroas ducere in arma manus, …
bellaque resque tui memorarem Caesaris …
sed neque Phlegraeos Iovis Enceladique tumultus
intonet angusto pectore Callimachus,
nec mea conveniunt duro praecordia versu
Caesaris in Phrygios condere nomen avos.
(Wenn mir das Schicksal so große Kraft gegeben hätte, dass ich Heldenscharen zu Waffentaten führen könnte … würde ich von den Kriegen und Taten deines Caesar erzählen … doch weder möchte von den phlegräischen Schlachten Jupiters und des Enkeladus dröhnen mit enger Brust Kallimachos, noch eignet sich mein Herz dazu, im harten Vers zu Caesars Ruhm seine phrygischen Ahnen niederzuschreiben.)

Horaz dagegen spricht in seinen drei ersten von insgesamt vier Büchern der Oden, die sukzessive von 26 bis 23 v.Chr. erschienen, immer wieder einmal von den bellaque resque des Imperators, und das, auch wenn er kein Epos dichtet, wie Maecenas sich vielleicht von ihm wie von Properz erhofft hätte, nicht selten dennoch mit nahezu epischem Pathos, z.B. in den sogenannten Römeroden, Carm. 3,1-6, wo er in 3,3,11 erstmals den mittlerweile von Octavian angenommenen Namen Augustus verwendet. Seine erste Odensammlung wirkt auf die beiden Elegiker Tibull und Properz zweifellos so anregend, dass auch sie ihre Gedichte nun wenigstens stellenweise dem augusteischen Diskurs öffnen: Properz zunächst in seinem Buch 3 von ca. 22 v.Chr. mit je einem Gedicht zu den Themen „geplanter Orientfeldzug“ (4), „Sieg über Kleopatra“ (11) und „Tod des designierten Nachfolgers Marcellus“ (18), dann, stark von der inzwischen publizierten Aeneis beeinflusst, mehrfach in Buch 4 von etwa 16 v.Chr. und Tibull immerhin in einer der Elegien seines zweiten Buches von etwa 19 v.Chr.: Nr. 5, wo er u.a. den palatinischen Apollo anruft und Bekanntschaft mit der Aeneis verrät.
Der Verfasser dieses Epos, das bald nach seinem Tod als ganzes publiziert wurde, nachdem einzelne Bücher schon vorher durch mündlichen Vortrag verbreitet worden waren, beginnt mit den berühmten drei Worten arma virumque cano (Von Waffen und von dem Mann singe ich). Zeitgenossen, die dieses Inzipit hörten oder lasen, ohne noch irgendetwas über die Aeneis zu wissen, mögen in Erinnerung an die Ankündigung des „Tempelbaus“ im Proöm zu Georgica Buch 3 erwartet haben, der Mann, über den Vergil jetzt „singen“ wolle, sei Augustus. Gut, schon ab dem vierten Wort von V. 1 der Aeneis, Troiae, konnte man erkennen, dass der vir der trojanische Urahn des Augustus sein werde. Aber Vergil hatte sichtlich immer noch Spaß am Verrätseln, und das zeigte er, wie bereits erwähnt, noch einmal ausführlich im ersten der drei „Durchblicke“ auf die Epoche des Prinzeps, indem er sich in 1,286-290 zur Identität des dort gepriesenen Caesar nicht klar äußerte. Aber mit dieser Art von literarischem lusus war es ab dem zweiten „Durchblick“, der „Heldenschau“ in Buch 6 (789ff.) vorbei. Dort treten der Diktator und der Prinzeps beim Aufmarsch künftig bedeutender Römer in der Unterwelt hintereinander auf, und Aeneas’ Vater Anchises, der dies kommentiert, drückt sich jetzt so aus, dass man verstehen darf, er liefere die Lösung des Rätsel, vor das der Knabe in Ekloge 4 den Leser einst gestellt hat (791-795a):

‘hic vir, hic est, tibi quem promitti saepius audis,
Augustus Caesar, divi genus, aurea condet
saecula qui rursus Latio …’
(„Dies ist der Mann, dies ist er, der dir, wie du öfter hörst, verheißen wird, Augustus Caesar, eines Gottes Sohn, der stiften wird das Goldene Zeitalter von neuem für Latium …“)

Man hört förmlich Vergil mit der Stimme des Anchises sagen: „Dies ist er, den ich vor über 50 Jahren mit dem puer meinte, er, dem schon für damals vorausgesagt war, er werde ein Goldenes Zeitalter bringen. Inzwischen musste er jedoch als iuvenis noch die Bürgerkriege beenden und wird nun als vir endgültig aurea saecula einleiten sowie über den Erdkreis herrschen.“
Der pathetische Tonfall von Versen wie den gerade zitierten, ließ über zwei Millennien zahllosen patriotisch-imperialistisch gesinnten Rezipienten das Herz höher schlagen, während er uns heute eher befremdet. Wir vernehmen ihn immer wieder in den Werken der augusteischen Dichter an Stellen, wo es um den Prinzeps geht, vor allem in denjenigen, die in den Jahren nach dem Erscheinen der Aeneis bis zum Tod des Augustus 14 n.Chr. publiziert wurden. Herausragend ist hier zunächst Horaz in seinem Carmen saeculare von 17 v.Chr. und in Buch 4 der Oden von 11/10 v.Chr. – er stirbt 8 v.Chr. –, und daher freut man sich bei ihm besonders, wenn man in seinen übrigen Gedichten dieser Schaffensphase, den Episteln in zwei Büchern von 19/18 und 11/10 v.Chr., gelegentlich denn doch Texte liest, in denen der Dichter Augustuspanegyrik ein wenig ironisiert. Ein sehr schönes Beispiel bietet der Brief 1,13, in dem Horaz eine eher lächerliche Figur namens Vinnius Asina beauftragt, dem Prinzeps Papyrusrollen zu bringen, vermutlich die der drei ersten Odenbücher, und ihn ermahnt, bei der Überreichung nicht bäurisch-tölpelhaft zu sein. Sehr amüsant ist hier die Schilderung von Verhaltensweisen, vor denen Horaz warnt, z.B. dass Vinnius die Rollen wie eine Säuferin ihr Wollknäuel unterm Arm transportieren könnte, aber auch subtile arte allusiva kann zum Schmunzeln bringen, z.B. gleich zu Anfang (1-5):

Ut proficiscentem docui te saepe diuque,
Augusto reddes signata volumina, Vinni,
si validus, si laetus erit, si denique poscet;
ne studio nostri pecces odiumque libellis
sedulus importes opera vehemente minister.
(Wie ich dich schon bei deinem Aufbruch oft und lange unterwies, Vinnius, sollst du die versiegelten Schriftrollen dem Augustus nur übergeben, wenn er gesund, wenn er guter Laune ist, schließlich, wenn er selbst danach fragt – nicht dass du aus Übereifer für mich Fehler machst und durch dein Ungestüm Unwillen auf die Bücher lenkst als allzu beflissener Bote!)

Lasen die Zeitgenossen Vers 2 nur bis zum ersten ‚a‘, verstanden sie wohl: „Du wirst Augustus die Feldzeichen zurückgeben“ und dachten daran, dass die Parther, die den Römern in der Schlacht bei Carrhae 53 v.Chr. ihre signa abgenommen hatten, diese 20 v.Chr. an den Prinzeps auslieferten. Natürlich war das ein Ereignis, das Herrscherpreis verdiente, und man sieht es ja auch auf dem Brustpanzer der berühmten Augustus-Statue von Prima Porta abgebildet. Aber hier erscheint es im Zusammenhang mit dem „Esel“ Vinnius in einem komischen Kontext. Bei Horaz finden wir daneben freilich Verspartien wie zu Beginn von Gedicht 1 im zweiten Epistelbuch, dem Brief an Augustus, die ersten vier Hexameter; dort spricht der Dichter ganz devot, und Ironie, auch versteckte, ist sicherlich auszuschließen (V. 1-4):

Cum tot sustineas et tanta negotia solus,
res Italas armis tuteris, moribus ornes,
legibus emendes, in publica commoda peccem,
si longo sermone morer tua tempora, Caesar.
(Da du so viele und so bedeutende Aufgaben allein auf dich nimmst, das italische Reich mit Waffen schützt, mit guten Sitten schmückst und durch Gesetze besserst, würde ich dem öffentlichen Interesse schaden, wenn ich durch eine lange Plauderei deine Zeit in Anspruch nähme, Caesar.)

Zum Glück für uns heutige Leser der augusteischen Poesie trat noch in Horazens letzten Lebensjahren in Rom ein Dichter auf, der offensichtlich nicht gesonnen war, ganz selbstverständlich in den Chor der Kaiserpanegyriker einzustimmen, sondern schon in seinem ersten Werk, der Elegiensammlung Amores von etwa 15 v.Chr., ein respektloses Spiel mit dem augusteischen Diskurs trieb: Ovid (43 v.-um 17 n.Chr.). Man nehme gleich V. 1-4 von Gedicht 1 (Die Übersetzung ist zur Abwechslung einmal metrisch):

Arma gravi numero violentaque bella parabam
edere, materia conveniente modis.
par erat inferior versus; risisse Cupido
dicitur atque unum surripuisse pedem.
(Waffengewalt und Kriege in wuchtigen Rhythmen besingen
wollte ich, und mein Stoff passte zur metrischen Form.
Gleich war dem ersten Vers der zweite; gelacht hat Cupido –
so wird erzählt – und darauf mir einen Versfuß geraubt.)

Wenn Ovid hier und in den restlichen 26 Versen der Elegie mit einem fiktiven mythischen Szenario begründet, warum er statt eines Heldenepos erotische Gedichte verfasst, steht er in der Tradition der Gattung wie Properz in den oben zitierten Versen aus dessen Elegie 2,1 und dürfte dezidierte Anhänger des Augustus wie der Vorgänger nicht entrüstet haben. Bemerkten diese aber, dass Arma gravi numero unverkennbar Arma virumque cano evoziert und damit den Anfang des prominentesten literarischen Dokumentes der Augustusverehrung geradezu nachäfft, werden sie mindestens die Augenbrauen hochgezogen haben. Richtig entrüstet mögen aber manche unter ihnen gewesen sein, wenn sie entdeckten, dass Ovid sich in Gedicht 2 mit einer der heiligsten Kühe des Staatskultes, dem Triumphzug, einen Spaß macht: Dort tritt der Liebesgott Cupido/Amor als Triumphator auf, und Ovid sagt zu ihm (V. 41f.):

tu pinnas gemma, gemma variante capillos
ibis in auratis aureus ipse rotis …
(Du, mit Juwelen geschmückt die Flügel, das Haar mit Juwelen,
fährst dann auf Rädern von Gold, selber im Goldglanz, dahin … )

Ja, es ist ausgerechnet der verspielte, geflügelte Knabe, der Gefangene mit sich führt, und zwar junge Männer und Frauen, Frau Vernunft, Frau Scham sowie alles, was ihm Widerpart leistet, und in den letzten beiden Versen treibt Ovid, ebenfalls sein captivus, den Ulk auf die Spitze, indem er sagt (51f.):

adspice cognati felicia Caesaris arma:
qua vicit, victos protegit ille manu.
(Schau auf Caesars, deines Verwandten, gesegnete Waffen:
Mit der Hand, die bezwang, schützt die Bezwungenen er.)

Gut, was wir hier lesen, setzt implizit voraus, dass in der Zeit, als diese Verse entstanden, nur noch Angehörige des Kaiserhauses einen Triumphzug veranstalten durften: Amor ist ja über seinen Halbbruder Aeneas mit Augustus verwandt. Aber irgendwie frech kann man eine solche Erweiterung der Schar potentieller Triumphatoren schon finden, und erst recht, dass hier clementia, seit Caesar eine wichtige Herrschertugend, nicht von Augustus, sondern von AMOR, dem Gegentyp zu seinem Palindrom ROMA, erbeten wird.
In den Epistulae Heroidum, den elegischen Briefen der mythischen Frauen und der Sappho, ist kein Platz für Bezugnahme auf den Prinzeps. Doch Ovid setzt seinen lusus mit dem augusteischen Diskurs insofern fort, als er in Didos Brief an Aeneas (Nr. 7) bei dieser Frau jegliches Verständnis für die göttliche Mission des Helden vermissen und sie mithin einfach als elegische puella schreiben lässt, die ganz unpolitisch denkt und dem treulosen Aeneas deshalb auch nicht Hannibal auf den Hals wünscht. Immerhin gibt Ovid sich im Prolog zu seiner Ars amatoria als loyaler Untertan des Augustus, indem er ausruft (1,31-34):

este procul, vittae tenues, insigne pudoris,
quaeque tegis medios, instita longa, pedes.
nos venerem tutam concessaque furta canemus,
inque meo nullum carmine crimen erit.
(Bleibt ihr fern, ihr feinen Binden, Zeichen der Keuschheit,
und du, langer Besatz, der du die Füße bedeckst:
Sichere Liebe besing ich und heimliches Tun, das erlaubt ist;
kein Verbrechen auch wird’s geben in meinem Gedicht.)

Apostrophiert werden hier freie verheiratete Römerinnen, denen wie überhaupt jeder freien Römerin durch die lex Iulia de adulteriis coercendis (Julisches Gesetz über die Bestrafung des Ehebruchs) außerehelicher Sex streng verboten ist und von denen deshalb in dem Sexhandbuch nicht die Rede sein werde. Nun, wird das crimen (Verbrechen), das sie begehen könnten, in dem carmen Ars amatoria wirklich kein Thema sein? Aber alle sechs Buchstaben von crimen stecken in der davor zu lesenden Form carmine, also ist außerehelicher Sex freier Römerinnen offenbar doch „drin“.
Später in Buch 1 der „Liebeskunst“ spricht Ovid auf einmal ganz patriotisch-augusteisch: Er widmet 52 Verse (177-228) seiner Vorfreude auf den Partherfeldzug des Augustus-Enkels C. Caesar, der während der Genese des erotischen Lehrgedichts vorbereitet wurde, und auf den anschließend zu feiernden Triumph; hier der Anfang des Exkurses (V. 177f.) und zwei Verse darüber, wie der junge Mann auf seinem Triumphwagen stehen wird (V. 213f.):

ecce, parat Caesar domito quod defuit orbi
addere: nunc, Oriens ultime, noster eris …
ergo erit illa dies, qua tu, pulcherrime rerum,
quattuor in niveis aureus ibis equis.
(Sieh, schon rüstet sich Caesar, den Rest der Welt zu bezwingen:
Äußerster Orient, jetzt kommst du in unsre Gewalt …
Also wird kommen der Tag, wo ganz in Gold du einherfährst,
schönster der Welt, auf vier Rossen, die weiß sind wie Schnee.)

Ist das nun Panegyrik, die ernst genommen sein will? Schwerlich, denn die Beschreibung des triumphierenden C. Caesar evoziert unverkennbar diejenige des triumphierenden Cupido in Am. 1,2,41f. und kann deshalb durchaus die Assoziation erwecken, ein Päderast rede den von ihm geliebten Knaben an. Und auf den Triumphzug kommt Ovid, wie sich am Ende zeigt, allein deshalb zu sprechen, weil er jungen Männern empfehlen wird, in der Zuschauermenge unter dem Vorwand, sie könnten alles erklären, was die Prozession zur Schau stelle, eine schöne puella „anzubaggern“ (V. 217-228).
In einem Exkurs seiner Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe), der spätestens 4 n.Chr. geschriebenen Fortsetzung zur Ars amatoria, versucht Ovid, sich gegenüber Leuten zu rechtfertigen, die seine libelli – damit meint er sicherlich die drei Bücher der „Liebeskunst“ –als zu frech und frivol empfunden hätten (V. 361ff.):

nuper … nostros quidam carpsere libellos,
quorum censura Musa proterva mea est …
at tu, quicumque es, quem nostra licentia laedit,
si sapis, ad numeros exige quidque suos …
(… gewisse Leute zerpflückten jüngst mir die Büchlein;
meine Muse, sie ist ihrer Zensur zu lasziv.
Du, wer immer du bist, den ich verletzte durch Freimut,
miss nach seinem Maß alles, wenn weise du bist.)

Die sehr ausführliche Rechtfertigung erfolgt unter Bezugnahme auf die Lizenzen, welche die Gattung „erotische Elegie“ einem Dichter erteile. Also wäre möglich, dass es sich bei dem quidam und dem angeredeten quicumque um keine reale Person handelt, z.B. Augustus, und Ovid die Kritik fingiert, um sich Gelegenheit zu Selbstreflexion und Artikulation von Dichterstolz zu verschaffen; darauf deutet u.a. hin, dass er sich am Ende des Exkurses als Vergil der Elegie, also als ihr Meister, präsentiert. Aber ob es die Kritiker seiner Ars um 4 n.Chr. tatsächlich schon gab oder nicht – vier Jahre später jedenfalls wurde er bekanntlich laut eigener Aussage zur Strafe für einen error, über den er fast nichts verrät, und für die Abfassung der Liebeskunst nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt. So war für Ovid aus dem helfenden iuvenis, der dem Tityrus Landenteignung und Exil erspart hatte, ein zürnender Gott geworden; als einen solchen bezeichnet der Dichter den Kaiser immer wieder in seiner Exildichtung.
Hatte Augustus denn nicht wahrgenommen, dass Ovid nach Abschluss der Remedia an den großen Werken Metamorphosen und Fasti arbeitete, die beide Kaiserpanegyrik enthalten, die Fasti sogar an mehreren Stellen? Darauf kann niemand eine Antwort geben. Aber nähere Betrachtung beider Dichtungen lehrt ohnehin, dass Ovid auch hier von seinen frechen Ironien nicht lassen konnte. Nehmen wir nur am Ende der Metamorphosen den Übergang vom Herrscherpreis, der mit 15,852 beginnt, zum Epilog (15,868-872. 875-879); der Text ist vielleicht erst während der Verbannungszeit entstanden, da mit Iovis ira auf den Zorn des irdischen Jupiter Augustus angespielt sein könnte:

tarda sit illa dies et nostro serior aevo,
qua caput Augustum, quem temperat, orbe relicto
accedat caelo faveatque precantibus absens! …
iamque opus exegi, quod nec Iovis ira nec ignis
nec poterit ferrum nec edax abolere vetustas …
parte tamen meliore mei super alta perennis
astra ferar, nomenque erit indelebile nostrum …
quaque patet domitis Romana potentia terris
ore legar populi, perque omnia saecula fama,
siquid habent veri vatum praesagia, vivam.
(Spät erscheine der Tag und lange nach meiner Lebenszeit, an dem das erhabene Haupt des Augustus die von ihm beherrschte Welt verlässt, in den Himmel aufgenommen wird und den Betenden gnädig ist aus der Ferne. Und schon habe ich ein Werk vollendet, dass nicht Jupiters Zorn, nicht Feuer, nicht Eisen, nicht das nagende Alter wird vernichten können. … Doch mit meinem besseren Teil werde ich fortdauern und mich hoch über die Sterne emporschwingen, mein Name wird unzerstörbar sein, und so weit sich die römische Macht über den unterworfenen Erdkreis erstreckt, werde ich vom Mund des Volkes gelesen werden und, sofern an den Vorahnungen der Dichter auch nur etwas Wahres ist, durch alle Jahrhunderte im Ruhm leben.)

Anhand dieser Kontrastierung der zu erhoffenden Apotheose des Augustus mit der zu erhoffenden Verstirnung Ovids, die ja auch nichts anderes als eine Apotheose wäre, ließe sich einiges an mehr oder weniger versteckten Frechheiten aufzeigen. Ich begnüge mich mit dem Hinweis darauf, dass dem letzten Wort über den Prinzeps, absens, das ebenso selbstbewusste wie provozierende vivam gegenübergestellt ist. Wie Ovid sich hier erkennbar respektlos darbietet, so finden wir es sogar in Tristia Buch 2, dem langen Brief an Augustus, in dem der Dichter u.a. seine Ars amatoria gegen den Vorwurf verteidigt, sie erteile Ratschläge für außerehelichen Sex. Beim Übergang zu diesem Thema zitiert er geradezu die devote Anrede des Kaisers am Anfang von Horazens Augustusbrief, spielt also gleichfalls den Unterwürfigen (219f. 237f.):

scilicet imperii princeps statione relicta
imparibus legeres carmina facta modis? …
mirer in hoc igitur tantarum pondere rerum
te numquam nostros evoluisse iocos?
(Natürlich, du, der Prinzeps des Reiches, würdest deinen Posten verlassen und Dichtungen lesen, die in ungleich langen Versen verfasst sind! Soll ich mich also wundern, wenn du angesichts dieser Bürde so wichtiger Angelegenheiten nie meine Scherze entrollt hast?)

Klar, an sich hat ein vielbeschäftigter Herrscher wie Augustus weder für die Lektüre einer Horazepistel noch einer „Liebeskunst“ Zeit. Aber Ovid erwägt die Möglichkeit, dass Augustus sich diese vielleicht doch einmal nehmen könne, und schreibt (239f.):

at si, quod mallem, vacuum tibi forte fuisset,
nullum legisses crimen in Arte mea …
(Doch wenn du, was mir lieber wäre, zufällig Zeit gehabt hättest, hättest du kein Vergehen in meiner Ars gelesen.)

Auf den ersten Blick versteht man nur, was der Kaiser wohl allein verstehen sollte: dass er in der Ars von keinem crimen gelesen hätte. Aber man kann sich auch nullum crimen in Anführungsstriche gesetzt denken – in antiken Texten musste man das im Bedarfsfalle, weil es keine Anführungsstriche gab –, und schon heißt der Vers: „dann hättest du in meiner Ars die Worte nullum crimen gelesen.“ Ja, das stimmt, nämlich in V. 34, und diese Lesart von V. 240 der Briefelegie an Augustus besagt nicht, dass in der Ars kein crimen thematisiert wird. Wenn Ovid dann noch in V. 247-250 die Passage der Ars zitiert, die er evoziert und die wir bereits zitiert haben (1,31-34), macht er die Sache nicht besser, denn crimen ist, wie gezeigt wurde, in carmine „drin“.
Der Ovid is scho a Hund, wie man bei uns in München sagen würde. Und weil Augustus, dessen 2000. Todestages wir heuer gedenken, ein Alleinherrscher, ja im Grunde ein Diktator war wie sein Adoptivvater, sollte man es unbedingt begrüßen, dass sich unter seinen Dichtern nicht nur solche befanden, die ihn als Gott verherrlichten, sondern auch ein respektloser Spaßvogel wie der Mann aus Sulmo, der anders als noch vor etwa 40 Jahren heute mehr „lebt“ als seine zeitgenössischen Kollegen. Denn in der Hitparade der augusteischen Dichter behauptet Ovid zur Zeit unbestritten den ersten Platz.